Was ist Pfiff2?
Neuropsychologische Tests Drucken
Ergebnisse der neuropsychologischen Untersuchung
Ergebnisse der stressbezogenen Interventionen


Dipl.-Psych. Catharina Stahn
Lehrstuhl für Industrial Sales Engineering,
Ruhr-Universität Bochum


Ziel von PFIFF 2 war die Wirksamkeitsprüfung der PC-gestützten kognitiven Intervention bei älteren Arbeitnehmern aus dem produktiven Bereich. Mittels neuropsychologischer Tests wurden Veränderungen in den trainierten Bereichen erfasst. Durch den Vergleich zwischen Trainingsgruppe und Wartekontrollgruppe konnten Rückschlüsse auf die Trainingswirksamkeit gezogen werden. Die insgesamt drei neuropsychologischen Testungen wurden zeitgleich für die Trainings- und Wartekontrollgruppe durchgeführt und dauerten jeweils ca. 90 Minuten. Das kombinierte Training der Wartekontrollgruppe begann erst nach Beendigung der kognitiven Intervention der Trainingsgruppe. In der Trainingsgruppe wurde drei Monate nach Interventionsende eine Follow-up-Messung durchgeführt. Die beiden stressbezogenen Interventionen in der Wartekontrollgruppe wurden ebenfalls auf Trainingseffekte analysiert (s. u.). Zu den verwendeten neuropsychologischen Tests gehören:

  • Aufmerksamkeits-Belastungs-Test d2 (Brickenkamp 2002): Durchstreichtest, der die visuelle Aufmerksamkeit/Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit erfasst
  • Leistungsprüfsystem (LPS; Horn 1983):
    • LPS 1 erfasst die kristalline Intelligenz in Form eines verbalen Faktors (Erkennen von Rechtschreibfehlern).
    • LPS 3 erfasst die logische Denkfähigkeit (Erkennen inkongruenter Element in einer Reihe von Symbolen).
    • LPS 6 erfasst Wortflüssigkeit und kognitive Flexibilität (Generierung so vieler Wörter wie möglich aus drei vorgegebenen Anfangsbuchstaben).
    • LPS 7 verlangt ein geistiges Drehen von Zahlen oder Buchstaben in der Ebene (Durchstreichen von spiegelbildlichen Symbolen).
  • Nürnberger-Alters-Inventar (NAI; Oswald & Fleischmann 1999)
    • Farb-Wort-Interferenztest überprüft die Fähigkeit zur Reaktionshemmung auf irrelevante Stimuli.
    • Zahlennachsprechen erfasst im ersten Teil kurzfristige Gedächtnisleistungen (korrekte Wiedergabe mündlich vorgegebener Zahlenreihen in identischer Reihenfolge). Der zweite Aufgabenteil (rückwärtige Wiedergabe) erhebt komplexere Aspekte der exekutiven Arbeitsgedächtnisprozesse (Nachsprechen der Zahlenreihen in umgekehrter Abfolge).
    • Zahlen-Symbol-Test erfasst Aspekte der fokussierten Aufmerksamkeit, Arbeitsgeschwindigkeit (Zuordnung der Symbole, die sich auf dem Testbogen als Vorlage befinden, zu den Zahlen eins bis neun).
  • Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung (TAP; Zimmermann & Fimm 2002): Subtest „Geteilte Aufmerksamkeit“ verlangt die gleichzeitige Bearbeitung einer visuellen und einer akustischen Aufgabe.
  • Trail Making Test (TMT; Reitan 1992): Teil A erfasst die kognitive Verarbei-tungsgeschwindigkeit und das Kurzzeitgedächtnis (Verbindung der Zahlen 1 bis 25 durchgehend in aufsteigen¬der Reihenfolge). In Teil B werden exekutive Funktionen bzw. die geteilte Aufmerksamkeit (Die Buchstaben A bis L sowie die Zahlen 1 bis 13 sollen alternierend in jeweils aufsteigender Reihenfolge miteinander verbunden werden).
  • Verbaler Lern- und Merkfähigkeitstest (VLMT; Helmstaedter, Lendt & Lux 2001): Verbales Kurz- und Langzeitgedächtnis (Fähigkeit zur Speicherung, Abruf, Wiedererkennung und Interferenzanfälligkeit von verbalem Material).

Ergebnisse zum kognitiven Training

Zusammenfassend ergab die Wirksamkeitsprüfung der kognitiven Intervention Trainingseffekte in Maßen

  • für die Abrufleistung im verbalen episodischen Langzeitgedächtnis
  • für exekutive Prozesse des Arbeitsgedächtnisses
  • für die Sorgfaltsleistung exekutiver Aufmerksamkeitsprozesse
  • für das Kurz­zeitgedächtnis
  • die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit sowie
  • für die fokussierte und geteilte Auf­merksamkeit.

Diese Bereiche sind für das alltägliche (Arbeits-)leben relevant und konnten durch die kognitive Intervention verbessert werden. Ein kognitives Training, wie es im Rahmen der vorliegenden Arbeit eingesetzt wurde, ist daher ein wichtiger Baustein zur Förderung der intellektuellen Leistungsfähigkeit älterer Arbeit­nehmer. Die folgenden Abbildungen veranschaulichen die ermittelten Trainingseffekte.

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Abbildung 1: Gemittelte Werte für Trainings- und Wartekontrollgruppe vor und nach der kognitiven Intervention in der Trainingsgruppe für die Wortflüssigkeit.

Wie Abbildung 1 zu entnehmen ist, konnte die Trainingsgruppe nach der Intervention im Mittel vier Wörter mehr generieren (29,50 zu 33,50), die Wartekontrollgruppe verbesserte sich um durchschnittlich ein Wort (31,50 zu 32,69).

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Abbildung 2: Gemittelte Werte für Trainings- und Wartekontrollgruppe vor und nach der kognitiven Intervention in der Trainingsgruppe für die geteilte Aufmerksamkeit.

 

Die „Fehlerzahl“ der auditiven und visuellen Aufgabe der Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung reduzierte sich in der Trainingsgruppe von durchschnittlich 4,15 auf 1,46 Fehler nach dem Training, während sich in der Wartekontrollgruppe keine statistisch bedeutsame Änderung zeigte (2,69 zu 2,06).

In der Trainingsgruppe wurde drei Monate nach Beendigung der kognitiven Intervention eine Follow-up-Messung durchgeführt, die vor allem im ersten Durchgang im Jahr 2009 eine Verbesserung im logischen Denken, der fokussierten Aufmerksam­keit, der Informati­onsverarbeitungsgeschwindigkeit sowie in exekutiven Auf­merksamkeitsprozessen ergab. Diese Veränderungen deuten auf eine verzögerte Leistungssteigerung nach Trainingsende hin. Die Ergebnisse der Follow-up-Messung des zweiten Trainingsdurchgangs sprechen für eine Sta­bilität der erzielten Veränderungen über einen Zeitraum von drei Monaten und stehen im Einklang mit anderen Studien, die mittel- bis längerfristige Wirkungen kognitiver Inter­ventionen belegt haben.

Neben der generellen Wirksamkeitsprüfung wurden auch differenzielle Trainingseffekte analysiert. Die dafür gebildeten Untergruppen unterschieden sich in ihrem kognitiven Aus­gangsniveau (niedrig/hoch) sowie in Bezug auf Schichttyp (dauerhafte Nacht­schicht/Wechsel aus Früh- und Spätschicht) und Lebensalter (jung/alt). Differenzielle Interventionseffekte spielen eine praxisrelevante Rolle, da Informationen über unterschiedlich große Trainingseffekte in verschiedenen Untergruppen zur Anpassung und Optimierung zukünftiger Vorhaben genutzt werden können. Dabei traten in vielen der untersuchten Variablen keine differenziellen Trainingseffekte auf. Lediglich das Training der exekutiven Aufmerksam­keitsprozesse und des logischen Denkens erwies sich für verschiedene Untergruppen als differenziell wirksam. Eine grundlegende Überarbeitung des Trainingskonzepts muss auf­grund der Datenlage nicht durchgeführt werden. Insgesamt ist das überwiegende Ausbleiben differenzieller Trainingseffekte positiv zu werten, da durch das kognitive Training alle Teilnehmer, unabhängig von Lebensalter und kognitivem Ausgangsniveau, profitieren sollten. Nachfolgend werden die wesentlichen Ergebnisse der Stressinterventionen vorgestellt.

Ergebnisse der Stressinterventionen

Die Teilnehmer der Wartekontrollgruppe nahmen neben dem kognitiven Training entweder an dem Training „Stressbewältigung“ (STR) oder am HEDE-Training (HEDE) teil (Eine Beschreibung der durchgeführten Interventionen finden Sie unter der Rubrik „Trainings“). Um die Wirksamkeit der beiden stressbezogenen Interventionen zu prüfen, wurden Fragebögen zum stress- und ge­sundheitsbezogenen Erleben von den Teilnehmern vor und nach den Interventionen ausgefüllt. Zum Beispiel wurde die „Lebenszufriedenheit“ sowie die „Innere Ruhe und Ausgeglichenheit“ (Arbeitsbezogenes Verhaltens- und Erlebensmuster; AVEM) erhoben. Ebenso wurde nach den erlebten „Sorgen“ (Perceived Stress Questionnaire; PSQ), der „Emotionalen Erschöpfung“ (Maslach Burnout Inventory; MBI) und der subjektiven Wahrnehmung alltäglicher Fehlleistungen (Cognitive Failures Questionnaire; CFQ) gefragt. Die Teilnehmer der Trainingsgruppe, die das rein kognitive Training erhielten, füllten diese Fragebögen ebenfalls aus und konnten so als Vergleich herangezogen werden.

Insgesamt zeigten sich günstige Veränderun­gen in beiden stressbezogenen Gruppen, zum Beispiel im Hinblick auf interne Stressreaktionen („Sorgen“, „Anspannung“, „Freude“; PSQ), die Wahrnehmung äußerer Stressoren („Anforderungen“; PSQ) sowie Gesundheitsaspekte, die sich in der „Lebenszufriedenheit“ (AVEM) äußern. Weiterhin zeigte sich eine signifikante Reduzierung in der Wahrnehmung alltäglicher Fehlleistungen (CFQ), die als ein Hinweis für die Veränderungen im alltäglichen Leben durch eine Intervention gewertet werden können (vgl. Westerberg et al. 2007). Die erreichten Effektstärken – die Auskunft über die praktische Bedeutsamkeit eines Ergebnisses geben – waren zum Beispiel für die Skala „Lebenszufriedenheit“ sehr hoch. Die nachfolgenden Abbildungen zeigen exemplarische Ergebnisse.

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Abbildung 3: Gemittelte Werte für die beiden stressbezogenen Gruppen vor und nach der kombinierten Intervention im Vergleich zur Trainingsgruppe für die Skala „Anspannung“ (PSQ).

Wie Abbildung 3 zeigt, nahmen die Werte für die Skala „Anspannung“ in beiden stressbezogenen Gruppen ab. In der STR-Gruppe sank der gemittelte Score von 58,09 vor dem Training auf 40,47 nach dem Training. In der HEDE-Gruppe verringerte sich der Mittelwert von 46,22 auf 33,09. In der Gruppe mit dem rein kognitiven Training zeigten sich keine bedeutsamen Veränderungen.

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Abbildung 4: Gemittelte Werte für die beiden stressbezogenen Gruppen vor und nach der kombinierten Intervention im Vergleich zur Trainingsgruppe für die Skala „Emotionale Erschöpfung“ (MBI).

In der STR-Gruppe lag der Mittelwert vor dem Training bei 3,69 und sank nach dem Training auf 3,03. In der HEDE-Gruppe zeigte sich eine Verringerung der emotionalen Erschöpfung von 3,24 auf einen durchschnittlichen Wert von 2,81 nach dem Training. In der Trainingsgruppe, die das rein kognitive Training erhielt, stieg der Wert nach dem Training leicht an.

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Abbildung 5: Gemittelte Werte für die beiden stressbezogenen Gruppen vor und nach der kombinierten Intervention im Vergleich zur Trainingsgruppe für die Skala „Lebenszufriedenheit“ (AVEM).

Für die Skala „Lebenszufriedenheit“ lag der durchschnittliche Skalenwert in der HEDE-Gruppe vor dem Training bei 10,87 und erhöhte sich nach dem Training auf 13,80. In der STR-Gruppe zeigte sich eine Steigerung der Lebenszufriedenheit von durchschnittlich 9,43 vor dem Training auf 12,57 nach dem Training. In der Gruppe mit dem rein kognitiven Training ergaben sich keine Veränderungen.

Die Ergebnisse der neurophysiologischen Untersuchung finden Sie hier.


Literatur

Brickenkamp, R. (2002). Test d2 – Aufmerksamkeits-Belastungs-Test (9. überarb. und neu norm. ed.). Göttingen: Hogrefe.

Broadbent, D. E., Cooper, P. F., FitzGerald, P. & Parkes, K. R. (1982). The Cognitive Failures Questionnaire and its correlates. British Journal of Clinical Psychology, 21, 1-16.

Büssing, A. & Perrar, K. M. (1992). Die Messung von Burnout. Untersuchung einer Deutschen Fassung des Maslach Burnout inventory (MBI-D). Diagnostica, 38, 328-353.

Fliege, H., Rose, M., Arck, P., Levenstein, S. & Klapp, B.F. (2001). Validierung des "Perceived Stress Questionnaire" (PSQ) an einer deutschen Stichprobe. Diagnostica, 47(3), 142-152.

Helmstaedter, C., Lendt, M. & Lux, S. (2001). Verbaler Lern- und Merkfähigkeitstest. Weinheim: Beltz.

Horn, W. (1983). Leistungsprüfsystem. Handanweisung (2., erw. und verb. ed.). Göttingen: Hogrefe.

Oswald, W. D. & Fleischmann, U. M. (1999). Nürnberger-Alters-Inventar (4. unveränd. ed.). Göttingen: Hogrefe.

Reitan, R. M. (1992). Trail Making Test. Tucson, A. Z.: Reitan neuropsychological Laboratory.

Schaarschmidt, U. & Fischer, A. W. (2008). Arbeitsbezogenes Verhaltens- und Erlebensmuster (AVEM-44). Manual. London: Pearson.

Westerberg, H., Jacobaeus, H., Hirvikoski, T., Clevberger, P., Östensson, M.-L., Bartfai, A. & Klingberg, T. (2007). Computerized working memory training after stroke – A pilot study. Brain Injury, 21(1), 21-29.

Zimmermann, P. & Fimm, B. (2002). Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung (Version 2.1). Herzogenrath: Psytest.